Was ist die Kompetenzbilanz für Migrant/inn/en?
Die „Kompetenzbilanz für Migrant/inn/en“ dient einer persönlichen Standortbestimmung. Alle bisherige Lebensstationen, erworbene Kenntnisse und gemachte Tätigkeiten werden gesammelt und daraus gewonnene Kompetenzen abgeleitet. Das eigene Wissen und Können wird bewusst und reflektiert. Stärken und Interessen werden sichtbar.
Die Kompetenzbilanz für Migrant/inn/en ist ein ressourcenorientiertes Instrument, das Potentiale entdecken und stärken möchte. Kompetenzen, die Migrant/inn/en mitbringen, wenn sie nach Deutschland kommen, bleiben oft unsichtbar und ohne Anerkennung, weil sie mit den Maßstäben deutscher Bildungszeugnisse nicht gemessen werden können. Daher erleben viele Migrant/inn/en ihre Erwerbstätigkeit als Sackgasse oder als Rückschritt. Die Kompetenzbilanz versteht Ressourcenorientierung als eine ganzheitliche Sichtbarmachung von Kompetenzen, damit Chancengleichheit am Arbeitsmarkt umgesetzt werden kann.
Bildungsprozesse und Lernen finden zum größten Teil informell und außerhalb von Schule, Ausbildung und Beruf statt. Mit Hilfe eines strukturierten Interviewleitfadens wird die Kompetenzentwicklung über die gesamte Lebensspanne erhoben und zieht formelle als auch informelle Lernorte, wie Familie, Schule, Beruf, Nachbarschaft, in Betracht. Die Kompetenzentwicklung ist ein lebenslanger Prozess und die Biographie mit all ihrem Erfahrungsreichtum wird recherchiert. Die Kompetenzanalyse bzw. die Frage: Welche Kompetenzen/Fähigkeiten habe ich durch eine bestimmte Tätigkeit erworbenen? – beantwortet der/die Anwender/in selbst. Ein/Eine Berater/in sollte nur Hilfestellungen beim Auswertungsprozess geben. Die Kompetenzbilanz bedient sich hier dem Instrument der Selbstevaluation. Ein Reflexionsprozess findet statt und über eigene Stärken und Potentiale wird Klarheit verschafft. Dies kann vor allem bei der Job- oder Ausbildungsplatzsuche hilfreich sein. Daher bietet sich an, die Kompetenzbilanz in Kombination mit einer begleitenden Berufs-, Lern- oder Entwicklungsberatung durchzuführen.
Evaluationsbericht von 2005
Hintergrund und Entwicklung der Kompetenzbilanz für Migrant/inn/en
In den Debatten und in der Praxis der Arbeitsmarktpolitik, der (beruflichen) Bildung und Weiterbildung richtet sich der Blick seit einigen Jahren (in anderen europäischen Ländern und weltweit viel stärker und klarer als hierzulande) auf lebenslanges und auf informelles Lernen. Nicht mehr nur das Lernen in Institutionen und dort erworbene Zeugnisse und Zertifikate, sondern das, was Menschen im Verlauf ihres Lebens an Kompetenzen erworben haben, gerät ins Blickfeld. Damit stellen sich weiter führende Fragen:
- Wie können Schule und Beruf, wie kann institutionelles Lernen über die Inhalte der Lehrpläne hinaus „lernhaltig“ gemacht werden? und
- wie können Lebensbereiche jenseits von Schule und Beruf als „Lernorte“ verstanden und genutzt werden?
In der Abteilung Familie und Familienpolitik des Deutschen Jugendinstituts ist vor diesem Hintergrund seit Anfang der 90er Jahre daran gearbeitet worden, den Transfer von lebensweltlich erworbenen Kompetenzen vor allem aus dem zentralen Lebensbereich „Familie“ (der nicht nur ein Lebensbereich, sondern auch ein Arbeits-, jedenfalls aber auch ein wichtiger „Lernort“ ist) in der Arbeitswelt sichtbar zu machen. Ziel war es dabei, den in und durch Familienarbeit und -erfahrung erworbenen Kompetenzen über das Sichtbarmachen hinaus auch stärkere Anerkennung zukommen zu lassen.
Dieser Transfer von lebensweltlich erworbenen Kompetenzen in die Arbeitswelt war – und ist – auch aus Sicht der betrieblichen Personalentwicklung von wachsender Bedeutung. Denn die sogenannten „überfachlichen Kompetenzen“ (früher meist „Schlüsselqualifikationen“ genannt) – methodische, soziale, Selbst- und Aktivitätskompetenzen – gewinnen seit den massiven Umstrukturierungen der frühen 90er Jahre („lean production“) in allen Bereichen der Wirtschaft und in den Verwaltungen gegenüber den rein technisch-fachlichen Qualifikationen an Gewicht.
Ein wichtiges Arbeitsergebnis der DJI-Forschungen zum Transfer von Familienkompetenzen in die Arbeitswelt war ein Instrument für die betriebliche Personalarbeit, das als Leitfaden zur Selbst- und Fremdeinschätzung lebensweltlich erworbene Kompetenzen übersichtlich zu dokumentieren und aufzubereiten half. Dieses Instrument, in einem von der EU-Kommission und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend BMFSFJ geförderten Drei-Länder-Projekt mit Partnern aus England und den Niederlanden und gemeinsam mit der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Süddeutschlands entwickelt, erhielt den Titel „Kompetenzbilanz“. Dieser Arbeitsbegriff greift auf ein in Frankreich entwickeltes Instrument zur biografischen Bestandsaufnahme im Sinne von „Wo stehe ich? Wo kann und will ich hin“ zurück, das dort seit 1991 als Rechtsanspruch für alle Arbeitnehmer gesetzlich verankert ist.
Die lebensweltlich erworbenen Kompetenzen von Migrant/inn/en sichtbar machen, anerkennen und nutzen!
In der Debatte um lebenslanges und dabei besonders auch um informelles Lernen geht es auch um die erfolgreiche Gestaltung von Bildungsprozessen und den Abbau von Chancenungleichheit im Bildungssystem. Damit steht auch die Bildungsbenachteiligung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Migrationshintergrund im Blickfeld. Dabei ist in der öffentlichen und in der Fachdiskussion im Zusammenhang mit neuen Strategien zur Förderung der Integration und des Bildungserfolgs von Migrant/inn/en – wie in anderen Bereichen der sozialen Arbeit und der in der Arbeitsmarktpolitik auch – immer öfter vom Anknüpfen an Ressourcen statt an Defiziten und von Empowerment die Rede. Verfahren der Kompetenzfeststellung wie das „Profiling“ bei der Arbeitsagentur und eine Vielzahl anderer Verfahren, die vor allem für benachteiligte Zielgruppen der Arbeitsmarktpolitik entwickelt worden sind, setzen bei all ihrer methodischen Vielfalt auch unterschiedliche Schwerpunkte. Die Kompetenzbilanz für Migrant/inn/en geht von der Grundüberlegung und -überzeugung aus, dass junge Menschen und Erwachsene mit Migrationshintergrund gerade aufgrund ihrer Erfahrungen mit dem Überwechseln (oder auch dem Hin- und Herwechseln) in eine neue Kultur und Sprache spezifische Kompetenzen – über eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Zwei- und Mehrsprachigkeit hinaus – ausgebildet haben, die für ihr künftiges Leben in Deutschland, für ihre soziale und Arbeitsmarktintegration wertvoll sind. Die Kompetenzbilanz als Leitfaden für eine – unterstützte – Selbstbefragung richtet ihren „Suchscheinwerfer“ aber nicht nur auf diese „migrationsspezifischen“ Kompetenzen, sondern auf die ganze Bandbreite der lebensweltlich erworbenen Kompetenzen, die ihren jeweiligen Bearbeiterinnen und Bearbeitern – die auch die „Eigentümer“ dieses Arbeitsprozesses sind – zur Verfügung stehen.
Entwicklung der Kompetenzbilanz für Migrant/inn/en
Mit der Kompetenzbilanz für Migrant/innen wurde an den Grundgedanken der „älteren“ Kompetenzbilanz mit dem Schwerpunkt „Transfer von Kompetenzen aus Familienarbeit/-erfahrung in die Arbeitswelt“ angeknüpft. Ein Team aus der Abteilung Familie und Familienpolitik des Deutschen Jugendinstituts (Wolfgang Erler/Monika Jaeckel) hat in einem Projekt zur Integration von Familien mit Migrationshintergrund im sozialen Nahraum einen Entwurf für die Kompetenzbilanz für Migrant/inn/en entwickelt. Das Projekt wurde vom Bayerischen Sozialministerium und von der Europäischen Kommission gefördert. Der erste Entwurf wurde in vielen Erprobungsschritten gemeinsam mit Partnern aus der Praxis der Migrationsarbeit (Trägern von Sprach- und Integrationskursen, Beratungsprojekten usw.) überarbeitet. Er liegt mittlerweile in einer zweiten Version vor und ist über das Internet per Download erhältlich (unter www.dji.de - Abteilung Familie und Familienpolitik/abgeschlossene Projekte/der soziale Nahraum in seiner Integrationsfunktion für Familien ausländischer Herkunft).
Die hier vorliegende elektronische Version zielt darauf ab, das aufgrund vieler Rückmeldungen aus der Praxis der Migrationsarbeit als nützlich bewährte Instrument der Kompetenzbilanz für Migrant/inn/en über das Netz leichter zugänglich zu machen und einzelne Bearbeitungsschritte durch die direkte interaktive Bearbeitbarkeit am Bildschirm zu erleichtern.